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capinorium · Fachartikel · KI

Die eigentliche Hürde für KI im Mittelstand: Wissen, nicht Kreativität

Bleistiftillustration: Ingenieur am Schreibtisch mit Zeichnungen, Laptop und Festplatte

Was den Mittelstand bei künstlicher Intelligenz bremst, ist vor allem fehlendes Wissen: In den maßgeblichen Erhebungen nennen 72 bis 85 Prozent der Unternehmen ohne KI diesen Grund, fehlende Anwendungsideen dagegen nur 11 bis 30 Prozent. Wie hoch die Werte ausfallen, hängt allerdings stark davon ab, wen eine Studie fragt.

Die Ausgangslage wirkt eindeutig. Laut Bitkom-KI-Studie vom 14.09.2026 nutzen erstmals 57 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten KI. Doch 87 Prozent dieser Nutzer schöpfen das Potenzial nach eigener Einschätzung eher wenig oder gar nicht aus (Bitkom-Präsentation, Folie 9). Andere Studien messen Nutzungsquoten ab 20 Prozent. Für Entscheider stellt sich deshalb die Frage: Welche Hürde ist real, und welche Zahl trägt?

Wissen führt, Anwendungsideen folgen weit hinten

Über alle Studien hinweg, die Nicht-Nutzer oder Unternehmen mit konkreten KI-Überlegungen befragen, ergibt sich eine stabile Rangfolge. Die Spannen fassen Werte unterschiedlicher Erhebungen zusammen und sind deshalb nur als Größenordnung zu lesen.

Rang Hürde Spanne Belege
1 Fehlendes Wissen / Know-how 72–85 % Destatis, Bitkom
2 Recht und Datenschutz 49–66 % Destatis, Bitkom, BNetzA
3 Zeit und Personal 51–66 % Bitkom, BNetzA
4 Kosten nicht kalkulierbar 63 % Bitkom
5 Integration in bestehende Systeme 45 % Destatis
6 Daten (Verfügbarkeit, Qualität) 40–44 % Destatis, Bitkom
7 Akzeptanz der Beschäftigten 33 % Bitkom
8 Fehlende Anwendungsfälle 11–30 % Bitkom (11 % bei Nutzern), Destatis

Aufschlussreich ist der Unterschied zwischen Kostenniveau und Kalkulierbarkeit: „Zu hohe Kosten“ nennen laut Destatis nur 32 Prozent, schwer kalkulierbare Kosten bei Bitkom dagegen 63 Prozent der Nicht-Nutzer. Das Problem ist weniger der Preis als die fehlende Rechengrundlage. Die Selbsteinschätzung bestätigt den Wissensbefund: 66 Prozent aller Befragten halten die KI-Kompetenz ihrer Beschäftigten für gering (Bitkom, Folie 13).

Warum die Studien so unterschiedlich messen

Drei Stellschrauben erklären den größten Teil der Abweichungen. Erstens die Basis der Frage: Destatis fragt nur Unternehmen, die KI erwogen, aber nicht eingeführt haben, und kommt so auf 72 Prozent für fehlendes Wissen. Statistik Austria nutzt dasselbe europäische Fragemodul, rechnet aber auf alle Nicht-Nutzer und landet bei 14,6 Prozent, weil 77,3 Prozent KI nie in Erwägung gezogen haben. Fehlendes Wissen bleibt dort trotzdem der häufigste Grund.

Zweitens die Größenschwelle: Manche Erhebungen beginnen bei Kleinstbetrieben, Bitkom erst bei 20 Beschäftigten. Drittens Definition und Zeitpunkt. Die KfW misst 20 Prozent Nutzung für den Zeitraum 2022 bis 2024, Bitkom 57 Prozent im Sommer 2026. Auch die oft gegeneinander zitierten Bitkom-Werte von 41 und 57 Prozent widersprechen sich nicht: Die 41 Prozent stammen aus der Digitalisierungsumfrage vom 11.03.2026, die 57 Prozent aus der rund sechs Monate späteren KI-Studie.

Nicht die Größe bremst, sondern die Wissensbasis

Kleine Unternehmen nutzen KI seltener, doch die Größe erklärt das kaum. Eine Regressionsanalyse der KfW auf rund 6.800 Mittelständler zeigt: Werden Hochschulabsolventen, Digitalisierung und Innovationstätigkeit berücksichtigt, sind die Größenunterschiede statistisch nicht signifikant. Entscheidend seien laut KfW Fokus 554 Digitalisierungsgrad, digitales Know-how und Innovativität. Die amtlichen Daten passen dazu: Fehlendes Wissen liegt bei Destatis in allen Größenklassen zwischen 67 und 73 Prozent.

Mit dem Einstieg verschieben sich die Hürden

Unternehmen, die KI bereits nutzen, nennen ein anderes Profil. Bei Bitkom sinkt fehlendes Know-how von 85 Prozent bei Nicht-Nutzern auf 25 Prozent bei Nutzern, fehlende Anwendungsfälle von 30 auf 11 Prozent. Datenschutz steigt dagegen von 49 auf 66 Prozent (Folie 12). Der Vergleich ist eine Momentaufnahme verschiedener Gruppen. Er belegt nicht, dass Unternehmen ihr Wissen durch Nutzung erworben haben; ebenso können wissensstarke Firmen eher eingestiegen sein. An der Schwelle vom Test zum Betrieb zeigt die BNetzA eine weitere Hürde: 58 Prozent der Abbrecher nennen das Nichterreichen der Ziele.

Der berechtigte Einwand: Fehlen nicht doch die Anwendungsfälle?

Es gibt Gegenstimmen. Die KfW bezeichnet die Identifikation erster praxistauglicher Anwendungen als „eine zentrale Hürde“. Das ist allerdings eine Deutung der Autoren, abgeleitet aus einem moderaten Zusammenhang mit der Nutzung externer Informationsquellen, keine direkte Abfrage. In einer Schweizer Studie zu KI im Marketing nennen 44 Prozent „kein klarer Nutzen/Bedarf“, zugleich aber 57 Prozent mindestens eine wissensbezogene Hürde (Handelsverband.swiss).

Beide Befunde lassen sich als Übersetzungsproblem lesen. Ideen sind nicht knapp; knapp ist das Wissen, welche Idee im eigenen Betrieb nützlich und zugleich machbar ist. Die Haltung stützt das: 91 Prozent halten KI laut Bitkom für die wichtigste Zukunftstechnologie.

Was daraus für Entscheider folgt

Wer Studienzahlen für eigene Entscheidungen heranzieht, sollte zuerst prüfen, wer befragt wurde, ab welcher Größe und wann. Wichtiger noch: Wenn Wissen der Engpass ist, hilft eine weitere Ideensammlung wenig. Gefragt ist die Fähigkeit, eine Anwendung gegen Daten, Recht, Kosten und Prozess zu prüfen, bevor Budget fließt. Die entscheidenden Fragen lauten dann: Welche Annahme soll ein Pilot testen? Welcher Fehler wäre teuer? Und was muss nachgewiesen sein, bevor der nächste Budgetschritt folgt? Wie sich KI-Potenzial methodisch auf Prozesse und Produkte übertragen lässt, behandelt der nächste Beitrag im capinorium.

Wer diesen Schritt nicht allein gehen möchte, kann eine strukturierte Potenzialanalyse oder Machbarkeitsprüfung mit capinori als Ausgangspunkt nutzen.

Häufige Fragen zu den Hürden der KI-Einführung im Mittelstand

Was ist die größte Hürde für KI im Mittelstand?

Die größte Hürde ist fehlendes Wissen über KI. Laut Destatis nennen 72 Prozent der Unternehmen, die KI erwogen, aber nicht eingeführt haben, diesen Grund. In der Bitkom-KI-Studie 2026 sind es 85 Prozent der Unternehmen ohne KI-Nutzung.

Sind fehlende Ideen oder Anwendungsfälle ein Hauptgrund gegen KI?

Nein, fehlende Anwendungsfälle rangieren in den Studien weit hinten. Bitkom misst 30 Prozent bei Nicht-Nutzern und 11 Prozent bei Nutzern (Bitkom 2026), Destatis 18 Prozent für „nicht sinnvoll“. Schwieriger ist es offenbar, zu beurteilen, welche Anwendung im eigenen Betrieb nützlich und machbar ist.

Warum unterscheiden sich die Zahlen der KI-Studien so stark?

Die Studien fragen unterschiedliche Gruppen, beginnen bei unterschiedlichen Unternehmensgrößen und definieren KI-Nutzung und Zeitraum verschieden. Destatis fragt etwa nur Unternehmen, die KI erwogen haben; Statistik Austria bezieht alle Nicht-Nutzer ein. Deshalb liegt „fehlendes Wissen“ dort bei 14,6 statt 72 Prozent.

Widersprechen sich die Bitkom-Werte von 41 und 57 Prozent KI-Nutzung?

Nein, die beiden Werte stammen aus zwei verschiedenen Bitkom-Umfragen von 2026. Die 41 Prozent nennt die Digitalisierungsumfrage vom 11.03.2026, die 57 Prozent die KI-Studie vom 14.09.2026. Beide betreffen Unternehmen ab 20 Beschäftigten und liegen rund sechs Monate auseinander.

Nutzen kleine Unternehmen KI seltener, weil sie klein sind?

Kaum. Kleine Unternehmen nutzen KI zwar seltener, doch laut Regressionsanalyse der KfW sind die Größenunterschiede statistisch nicht signifikant, sobald Hochschulabsolventen, Digitalisierung und Innovationstätigkeit berücksichtigt werden. Entscheidend sind demnach die Wissensbasis und die Innovationsroutinen eines Unternehmens.

Welche Hürden haben Unternehmen, die KI bereits nutzen?

Unternehmen mit KI-Einsatz nennen vor allem Datenschutz (66 Prozent), rechtliche Unsicherheit (56 Prozent) und schwer kalkulierbare Kosten (54 Prozent), so die Bitkom-KI-Studie 2026. Fehlendes Know-how nennen nur 25 Prozent. Der Vergleich ist eine Momentaufnahme und belegt keinen Lerneffekt durch Nutzung.

Quellen (9)
  • Bitkom: KI-Studie 2026, Presseinformation „Erstmals nutzt Mehrheit der Unternehmen KI“, 14.09.2026. Link
  • Bitkom: Präsentation „Künstliche Intelligenz in der Wirtschaft 2026“ (Dr. Ralf Wintergerst), 14.09.2026. Link
  • Bitkom: Digitalisierungsumfrage, Presseinformation vom 11.03.2026. Link
  • Destatis: Gründe gegen die Nutzung von KI nach Beschäftigtengrößenklassen, IKT-Erhebung 2025, Stand 24.11.2025. Link
  • KfW Research: Fokus Volkswirtschaft Nr. 533, 11.02.2026. Link
  • KfW Research: Fokus Volkswirtschaft Nr. 554, 29.07.2026. Link
  • Bundesnetzagentur: KI in Unternehmen – Einsatz, Ressourcen und Herausforderungen, Juli 2025. Link
  • Statistik Austria: IKT-Einsatz in Unternehmen 2025, Wien 2026. Link
  • Handelsverband.swiss: Bericht zum KMU Digital Pulse 2026 (localsearch/HSLU), 29.09.2026. Link
Porträt von Rudy Winklhofer, Inhaber und Director R&D bei capinori

Rudy Winklhofer ist Inhaber und Director R&D der capinori GmbH.

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